Die Gnarf
-Akten
(James Ellroy)
Los Angeles, 1956.
Der Regen war wie Spucke auf Asphalt. Heiß und fest. Die Straßen glänzten im Dämmerlicht.
Ich stand da, der Regen lief mir die Stirn hinab, und ich konnte nicht sagen,
ob es Tränen oder Wasser waren.
Gnarf
, hatte der Tote geflüstert, und ich hatte das Gefühl,
er wollte, dass ich es verstand. Aber ich verstand nichts.
Nicht den Mann. Nicht das Wort.
Nichts.
Er war ein Physiker. Name: Dr. Henry Fletcher. Mitte fünfzig. Ruhig. Immer ein bisschen zu
freundlich. Dann tot.
Ein Schuss in den Hinterkopf. Kein Kampf. Kein Widerstand. Wie ein Hund, der sich in den Sack
zurückzieht, bevor er stirbt.
Und das Gnarf war die Antwort auf alles. Oder es war der Grund,
dass alles schiefgelaufen war.
Ich sah mir die Akten an. Leere Seiten. Notizen, die nicht da waren. Namen,
die man nicht mehr aussprechen konnte.
Dann fand ich die erste Spur.
Eine Frau namens Vera Henshaw. Sie hatte mehr mit Dr. Fletcher zu tun, als sie zugab.
Und als ich sie fand, lief sie mir über den Weg wie ein Schatten — schnell,
nervös, und immer auf der Flucht vor etwas, das sie nie benennen konnte.
Was ist das Gnarf?
fragte ich sie, aber sie wehrte sich. Du willst es nicht wissen.
Du solltest nicht wissen.
Die Schweißperlen auf ihrer Stirn waren nicht von der Hitze des Sommers. Die Angst schlich sich an,
und sie wusste, dass sie bald nichts mehr hätte, woran sie sich festhalten konnte.
Es ist nur ein Ding
, sagte sie dann, und das Ding ist der Grund,
warum Menschen verschwinden.
Was für ein Ding?
Ein Gerät. Ein Schlüssel. Ein… verdammtes Nexus
, murmelte sie. Es macht alles kaputt,
was Sie verstehen.
Ich ließ sie nicht los. Ich wollte wissen, was das Gnarf
war.
Sie sah sich ständig um, als ob die Welt sie beobachtete. Schließlich zog sie ein altes Foto aus ihrer
Tasche, ein Bild von einem kleinen Labor, das vor Jahren abgebrannt war. Ein Gebäude,
das nie wieder aufgebaut wurde.
Hier
, sagte sie. Das ist der Anfang. Aber der Anfang führt zu keinem Ende.
Sie mir.
Ich dachte an die Leichen. Ich dachte an die mysteriösen Männer, die mir immer wieder mit ihren
leeren Blicken begegneten.
Dann dachte ich an das Gnarf.
Ich fand es in einem verlassenen Gebäude. Eine Bunkeranlage unter den Stadtbahnschienen.
Vergessen. Verdrängt.
Der Zylinder war einfach. Ein unscheinbares Metallrohr. Kein Glanz. Kein Blitz.
Keine Funken. Doch der Moment, in dem ich es in den Händen hielt, war wie ein Stoß ins Herz.
Kalt. Steif. Und irgendwie vertraut.
Ich wusste sofort, dass ich nie wieder derselbe sein würde. Aber ich wusste nicht,
warum.
Und das war das größte Problem.
Was war es? Warum hatte es diesen Geschmack von Abgrund?
Warum fühlte es sich an, als wäre der Zylinder mit den verlorenen Seelen von Los Angeles gefüllt?
Ich sah mich um. Alles war still. Zu still.
Plötzlich riss die Tür auf. Ein Mann im grauen Anzug stand da, den Federhut tief in die Stirn
gezogen. Er hielt eine Waffe.
Geben Sie es her
, sagte er. Es gibt Dinge, die Sie nicht wissen sollten.
Menschen wie Sie müssen keine Antworten finden.
Waren Sie der, der Dr. Fletcher getötet hat?
, fragte ich, ohne die Waffe anzusehen.
Was es auch war
, sagte der Mann, wir haben es ausgelöscht. Und Sie werden es auch.
Ich ließ das Gnarf fallen. Es klirrte. Das Geräusch war so scharf,
dass es mir in den Kopf schnitt.
Der Mann kam auf mich zu. Und da war plötzlich diese Erkenntnis, die sich langsam in meinem Kopf
zusammenbraute:
Das Gnarf war nie mehr als ein Werkzeug. Ein Gerät,
das den Menschen zeigte, was sie sehen wollten — und sie dann verschlang.
Er hob die Waffe. Es war vorbei.
Doch bevor er abdrückte, trat ein Schatten zwischen uns.
Vera. Ihre Hände zitterten. Ihr Gesicht war blass.
Nicht schießen
, flüsterte sie. Nicht mehr.
Der Mann stockte, drehte sich zur Seite.
Was machen Sie hier?
, fragte er.
Ich weiß mehr als Sie
, sagte Vera, und ihre Stimme war nun so kalt,
wie sie es noch nie war. Und es gibt immer noch genug Geheimnisse für uns beide.
Der Mann seufzte und senkte die Waffe. Warum helfen Sie ihm?
Weil er die Frage gestellt hat
, antwortete Vera und drehte sich zu mir. Und weil er sie
nicht vergessen wird.
Der Mann verschwand. Er nahm das Gnarf mit. Aber ich wusste, dass es nie wirklich weg war.
Ich fuhr zurück in die Stadt. Alle Spuren führten zu nichts.
Das Gnarf. Die Leute. Die Lügen. Sie verschwanden alle.
Aber in meinem Kopf blieb die Frage: Warum?
Am nächsten Morgen stand ich vor einem leeren Büro. Mein Name war von der Tür verschwunden.
Meine Akten waren leer. Meine Spuren verwischt.
Das Gnarf hatte gewonnen. Es hatte gegen uns alle gewonnen.
Doch ich wusste: Es war nicht das Ende.
Es war der Anfang von etwas anderem.
Und das wusste ich jetzt: Es gab kein Entkommen.