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Sein Mädchen für besondere Fälle
His Girl Friday
Geschrieben von Giovanni Cortese am .
Auf DVD: Sein Mädchen für besondere Fälle (His Girl Friday)
Komödie, USA 1940, Regie: Howard Hawks, Buch: Charles Lederer nach dem Theaterstück The
Front Page
von Ben Hecht und Charles MacArthur, mit Cary Grant, Rosalind Russell,
Ralph Bellamy, John Qualen
Vorspann: Die sogenannte
Screwball Comedy
erlebte in den 1930er und frühen 1940er Jahren eine kurze, aber heftige Blüte (erstaunlicherweise
entstanden nach etwa 1942/43 kaum noch brauchbare Beiträge zum Genre). Im Zentrum standen
Liebesgeschichten unter exzentrischen Charakteren aus der Schicht der Reichen und/oder Wichtigen,
und stilistische Kennzeichen waren gepfefferte Dialoge und eine turbulente,
von zahlreichen haarsträubenden Wendungen geprägte Handlung. Die wichtigsten Stars der Screwball
Comedy waren fast durchweg Frauen, allen voran Claudette Colbert (Oscar für
Es geschah in einer Nacht
,
1934), die früh verstorbene Carole Lombard (Denen ist nichts heilig
,
1937, in Technicolor) und natürlich Katherine Hepburn in
Leoparden küsst man nicht
(1938) von Howard Hawks, der auch bei Sein Mädchen für besondere Fälle
auf dem Regiestuhl saß.
Inhalt: Als Reporterin war Hildy Johnson (Russell) ein Ass. Jetzt aber möchte sie einen kreuzbraven Versicherungsmenschen (Bellamy) heiraten und vorher ihrem Chefredakteur und Ex-Mann Walter Burns (Grant) noch ein gehässiges Lebewohl sagen. Der aber ködert sie mit einer allerallerletzten Story um den zum Tode verurteilten Mörder Earl Williams. Hildy mag nicht so recht, doch als Williams ausbricht und ausgerechnet in den Redaktionsraum flieht, kann sie nicht länger widerstehen und greift wieder in die Tasten (während Burns im Hintergrund mit allerlei miesen Tricks ihren Verlobten auf Distanz hält).
Filmhistorisch bedeutsam, weil: Das zu Grunde liegende Theaterstück The Front
Page
war bereits 1931 von Lewis Milestone verfilmt worden, und 1974 zog Billy Wilder mit Extrablatt
nach. Obwohl auch diese Fassungen als durchaus gelungen gelten, ist doch die von
Howard Hawks
unübertroffen. Die Screwball Comedy hatte ohnehin schon ein Faible für rasante Dialoge,
doch Hawks schaltete noch einen Gang hoch. Der verbale Schlagabtausch zwischen Burns und Hildy
erinnert mit der Zeit an ein Maschinengewehrdauerfeuer, was den Darstellern das Äußerste an
Disziplin und Timing abverlangt, zumal Hawks manches Mal in vergleichsweise langen Einstellungen
inszeniert. Dabei hatte er im Vorfeld die simple, aber geradezu geniale Idee,
aus dem eigentlich männlichen Hildy eine Frau zu machen (bei Billy Wilder zum Beispiel wird das Duo
von Walter Matthau und Jack Lemmon gespielt).
Für Rosalind Russell wurde das die Rolle ihres Lebens, und wenn man sich heute an sie erinnert, dann meist wegen ihrer unwiderstehlichen Hildy. Dabei war sie keinesfalls Hawks' erste Wahl. Nicht einmal zweite oder dritte oder vierte Wahl. Sie galt zunächst als Notnagel, den man sich von der Konkurrenz MGM ausleihen musste, nachdem Jean Arthur (Hawks Favoritin), Carole Lombard, Ginger Rogers, Claudette Colbert and Irene Dunne der Reihe nach abgesagt hatten.
Als Regisseur inszeniert Hawks uneitel ganz zum Vorteil seiner Darsteller,
und es ist eine Freude zu sehen, wie sich Grant und Russell, aber auch die zahlreichen Nebenfiguren,
die Bälle zuspielen. Dass die Vorlage ein Bühnenstück ist, kann und will der Film gar nicht
verbergen und er braucht es auch nicht. Klasse Figuren, tolle Schauspieler,
hochkonzentrierte Regie, brillante Dialoge und atomuhrpräzises Timing: Was braucht eine Komödie
mehr? Bei allem Spaß bleibt sogar noch Zeit für einige satirische Seitenhiebe auf den
Sensationsjournalismus (Grant beispielsweise über die Gestaltung der Titelseite: Skip
Hitler and put him on the funny pages!
).
Abspann: Der britische Kritiker Christopher Tookey wertete 1994 in
The Critics' Guide to Film
die Filmbewertungen in den einschlägigen Lexika des englischsprachigen Raumes statistisch aus.
Dabei war His Girl Friday
der einzige Film, der in allen Nachschlagewerken
ausschließlich die jeweilige Höchstnote erhalten hatte. In Deutschland ist die Reputation
nicht ganz so hoch, was sofort die nicht einfache Frage nach der für deutschsprachige Zuschauer
optimalen Version aufwirft. Das Irrsinnstempo der Dialoge macht eine Untertitelung weitgehend
sinnlos, da der Text entweder stark gekürzt werden müsste oder aber die Augen vom unteren Bildrand
für anderthalb Stunden nicht wegkommen. In der (gar nicht mal so schlechten) deutschen
Synchronisation geht dagegen vom einzigartigen Stakkatorhythmus einiges verloren,
wodurch der Film zwar nicht ruiniert wird, aber doch merklich leidet. Und zum Anschauen der
Originalversion reicht normales Schul-LK-Englisch meist nicht aus. Aber einen Versuch ist es allemal
wert.