Der Wolf

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Geschrieben von Bruno Zacke am 24.05.2003:

Ich war noch nie so weit gelaufen. Nun konnte ich die Stadt nicht mehr sehen und ich vermißte sie nicht. Es war endlich wieder mal ein schöner Tag. Ich lief immer weiter. Je weniger ich an die Stadt dachte, desto weniger Spuren von Menschen sah ich. Keinen weggeworfenen Müll, keine Scherben und keine Abdrücke von Autoreifen in der Erde. Irgendwann gab es keine Wege mehr.

Ich wurde immer aufmerksamer, je länger ich unterwegs war. Mir fiel auf, dass der Boden von einer Zivilisation aus winzigem Getier bevölkert ist, das genauso wie ich einfach immer weiter läuft. Ich setzte mich eine Weile auf einen Stein und sah dem Leben auf dem Boden zu. Einmal blieb ich stehen, um einen seltsam gewachsenen Baum lange zu betrachten. Sein Stamm hatte in regelmäßigen Abständen Verdickungen. Ich dachte nicht darüber nach. Ich sah einfach nur hin, solange es mir gefiel.

Ich zerrieb einen Grashalm und trank den Duft. Nun roch ich nur noch Gras. Überall roch es nach Gras. Doch jedes Gras roch anders. Als ich Büschen nahe kam, begrüßten sie mich mit feinen würzigen Düften. Auch Bäume riechen. Ich mußte nur ganz still sein und warten, bis ihr Geruch zu mir kommt. Ich roch, ob der Boden weich oder fest war, bevor ich es mit den Füßen spürte. Ich konnte mich mit meinem Geruchssinn orientieren. Wie kann man leben und so etwas vergessen?

Mir kam es so vor, als ob ich mich in dieser Gegend schon immer rumgetrieben hätte. Alles war mir vertraut. Ich folgte Pfaden, die nur ich kannte. Ich kam an einen Teich, wie ich es erwartet hatte. Ich lief ein paar Mal in verschiedenen Richtungen um ihn herum. Dann zog ich weiter. Ich trat auf Lichtungen, ich durchquerte Haine, ich streunte über Wiesen und durch Gestrüpp. Ich erfreute mich immer wieder am Wald, in dem es hell war und in dem viele Arten von Bäumen durcheinander wuchsen. Sie standen nicht in Reihen und waren nicht alle gleich groß. So sah der Wald wohl aus, bevor es Förster, Waldbewirtschaftung und Wandervereine gab.

Plötzlich schien mich die Wirklichkeit auf meinem wunderbaren Spaziergang wieder einzuholen, ich fand einen Menschen. Sein etwas strenger Geruch hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. Er schlief. Er war ein wenig eingerollt wie ein Hund. Das Gras war plattgewalzt. Hat er das vorher gemacht, oder schläft er so unruhig? Was er an hatte, war schwer zu sagen. Es sah so aus, als ob ihm ein Fell durch die verrottete Kleidung gewachsen wäre. Nur seine Arschbacken waren frei. Vielleicht hatte er mal so eine Hose mit Ausschnitten an. Manchen gefällt sowas. Wo sein Gesicht ist, war nicht zu sehen. Sein Kopf verschwand unter einen großen Haufen von Haaren.

Ich hab ihn nicht geweckt, doch irgendwie hat er mich bemerkt. Er schob die Haare etwas zur Seite und schaute mich an. Ich sah nur seine Augen und machte ein paar Schritte rückwärts. Er stand nicht auf. Er wälzte sich, sprang auf alle Viere, heulte wie ein Wolf einmal laut auf und war mit wenigen Sätzen spurlos verschwunden.

Bruno Zacke, Berlin 2003

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