Unsere Leitmedien mal wieder

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Dummerweise muss man sich ja irgendwo informieren, wenn man zeitnah mitbekommen will, was so in der Welt los ist.

Andererseits habe ich manchmal Lust, das Bookmark auf SPON zu löschen, wenn mal wieder nicht zu unterscheiden ist, was Artikel und was Kommentar ist. Okay, das kranke Geschwafel eines Augstein tu ich mir gar nicht erst an — da reichen die Überschriften. Aber heute finde ich da einen längeren Text über die offenbar künstlerisch gescheiterte Verfilmung von Atlas Shrugged.

Schon in der Überschrift geht es los: Aus einem der einflussreichsten Hauptwerke der US-Literatur im 20. Jahrhundert wird bei SPON (tusch!): Kapitalisten-Porno floppt in US-Kinos (hihi, klasse! freu-freu!).

Und dann wird wieder (fast) jeder Knüppel rausgeholt, der geeignet ist, das Werk zu diskreditieren: die Konservativen, die Tea Party, die Egoisten, die Hardcore-Kapitalisten usw usf. (Zum Rechtspopulismus reicht es leider nicht, also daran sollte SPON noch arbeiten.) Vor allem wird dem Buch das unterstellt, was Autor Pitzke reichlich selbst zelebriert: Ideologie.

Ein Besuch bei Rotten Tomatoes (was Pitzke als Laienkritikerseite bezeichnet — offensichtlich hat er auch davon keine Ahnung) zeigt, dass der Film offenbar misslungen ist. Denn als Low-Budget-Produktion kann man das einfach nicht verfilmen.

Pitzke aber gibt die Schuld natürlich der Vorlage: Zugegeben: Atlas ist schwer verdaulich, schon auf dem Papier. Kein Wunder, dass die filmische Umsetzung dieses zur Seifenoper ausgewalzten Schreckensbildes seit Jahrzehnten klemmt.

Klar: was nicht ins Weltbild passt, ist logischerweise auch künstlerisch missraten, so einfach ist das. Aber dass er das wirklich gelesen hat, wage ich zu bezweifeln. Denn Pitzke macht sich nicht einmal die Mühe, den aktuellen deutschen Titel zu recherchieren (denn der lautet Wer ist John Galt?).

Auch die Filmkritiker zitiert man schon mal gern unvollständig: Kyle Smith (New York Post) monierte die gestelzten Dialoge. Das ist richtig. Man könnte aber auch erwähnen, dass er dem Film insgesamt ein fresh verleiht — das musste ich eben selbst nachlesen. Was Kyle im wesentlichen wirklich schreibt, ist: The subjects the film deals with are fascinating, important – and almost completely ignored at the movies. (New York Times)

Nebenbei: Kyle Smith war damals einer der wenigen, die das Öko-Pamphlet Wall-E nicht mochten und dafür in den Kommentaren praktisch zur Hölle gewünscht wurde.

Da verlasse ich mich eher schon auf Roger Ebert: Let's say you know the novel, you agree with Ayn Rand, you're an objectivist or a libertarian, and you've been waiting eagerly for this movie. Man, are you going to get a letdown. Aha, damit kann man was anfangen.

Zurück zu Rand: es gibt zur Zeit keine deutsche Ausgabe von Atlas Shrugged zu kaufen. Bei den über 1000 Seiten der englischen Ausgabe handelt es sich um sehr eng bedruckte Seiten (der Gesamtumfang dürfte so ungefähr an Tolstois Krieg und Frieden ranreichen), und da es sich zudem um einen Fremdsprachentext handelt, bin ich nach einer Woche erst auf Seite 85 oder so. Eine Befürwortung eines Kapitalismus der Shareholder-Value-Sorte sehe ich darin (noch?) nicht. Denn dabei geht's ja eben nicht darum, Innovation und Tatkraft zu belohnen, sondern Sesselpupsertum; und das ist nicht die Sache von Ayn Rand.

Was man aber jetzt schon merkt, ist Rands Überzeugung, dass eine Gesellschaft scheitern muss, in der gerade Nichterfolg und Versagen belohnt werden, während sich innovative Wissenschaftler oder begnadete Künstler entmutigt zurückziehen, weil sie ständig von außen gestört, eingeengt, behindert werden. Beispiel: Romanfigur Hank Rearden, Stahlindustrie, hat irgendeine Legierung erfunden, die bessere Eigenschaften hat als Stahl und zudem billiger ist (ein rein utopisches Konstrukt natürlich). Niemand will das Zeug haben, denn hmm grübel, man weiß ja nicht und es könnte doch und die anderen ham ja auch nicht und überhaupt wir haben doch sonst auch immer — kommt einem das nicht bekannt vor?

Es ist natürlich zu früh, nach nicht einmal einem Zwölftel des Buches ein halbwegs fundiertes Urteil abzugeben, aber bleiern, wie Pitzke das gern hätte, ist es keinesfalls. Bisher liest sich das sogar ziemlich unterhaltsam (im Gegensatz zu z.B. Heinrich Böll, bei dem stimmt zwar die Gesinnung – nur liest ihn heute keiner mehr wegen seines grauenhaften Stils).

Jetzt ist mir natürlich klar, warum es zur Zeit in Deutschland keine Ausgabe von Atlas Shrugged zu kaufen gibt: ein Verlag, der das neu auflegt, bekäme wohl kaum die dafür dringend nötigen wohlwollenden Besprechungen im Feuilleton, schon gar nicht die Anerkennung, ein bis heute viel diskutiertes Werk der US-Literatur wieder zugänglich gemacht zu haben. Sondern er müsste sich für diesen herzlosen Kapitalisten-Porno verdammen lassen.

Und in Deutschland muss man Bücher bekanntlich nicht erst lesen, um sie nicht hilfreich zu finden.