Das Gnarf
(Haruki Murakami)Es war ein kalter Nachmittag, als das Gnarf zum ersten Mal auftauchte. Oder war es vielleicht schon immer da gewesen? Niemand konnte sich genau erinnern, aber seine Existenz war plötzlich unbestreitbar. Er erschien in der Mitte der Stadt, irgendwo zwischen den blinkenden Neonlichtern und den monotonen Zügen, die durch die Gleise ratterten, als wäre es ein verblasstes Bild aus einem anderen Leben. Es war ein Ding, das weder fest noch flüssig war, weder groß noch klein, und doch war es einfach da – schimmernd, wie von einer fremden Dimension beleuchtet, wie ein unerklärliches Element im unaufhörlichen Fluss der Zeit.
Das Gnarf war ein seltsames Konstrukt, das niemand so recht zu fassen bekam. Es schien mit jedem Schritt, den man ihm näherkam, sich ein Stückchen mehr zu dehnen und zu verformen, als ob es versuchte, sich der Logik der Welt zu entziehen. Wenn man die Hand ausstreckte, um es zu berühren, passierte etwas, das man nicht in Worte fassen konnte: das Gnarf wurde irgendwie lebendig, aber gleichzeitig auch wieder nicht. Vielleicht war es ein Traum, den man in der Zwischenzeit vergessen hatte.
Ich saß in einem kleinen Café, das schon seit Jahren auf derselben Ecke stand, und beobachtete das Spektakel durch das Fenster. Ein japanischer Sänger, dessen Stimme wie das Summen einer alten Melodie klang, sang leise aus einem Lautsprecher. Draußen zogen die Menschen vorbei, verloren in ihren Gedanken und Augenblicken. Niemand schien wirklich zu merken, dass das Gnarf mittlerweile fast die ganze Straße bedeckte. Nur ein paar Leute blieben stehen, starrten es an, als ob sie versuchten, ein Stück Realität daraus zu extrahieren. Sie wischten mit den Händen über ihre Stirn, als ob sie versuchten, etwas zu begreifen, was nicht zu begreifen war.
Ich selbst hatte das Gefühl, als ob das Gnarf etwas mit mir zu tun hatte, als ob es irgendwo tief in meiner Seele einen leisen Knoten berührte. Vielleicht war es wie ein verlorener Teil meines eigenen Lebens, ein Fragment, das ich in einem vergessenen Moment aus den Augen verloren hatte. Oder vielleicht war es der Ausdruck eines ungesagten Gedankens, den ich nie ausgesprochen hatte. Irgendetwas, das sich wie eine Erinnerung anfühlte, ohne tatsächlich eine zu sein.
Als der Abend dämmerte, nahm das Gnarf eine neue Form an. Es schien sich mit den Lichtern der Stadt zu vermischen, die langsam aufleuchteten, und schillerte nun in den seltsamsten Farben – Blau, Lila, ein grünliches Gelb. Es war ein Moment, in dem alles stillzustehen schien, als ob die Zeit sich selbst einen Augenblick lang betrachtete und dann fortfuhr, ohne sich je wieder daran zu erinnern. Die Menschen liefen weiter, als ob sie in eine andere Welt hineinglitten, ihre Körper in Bewegung, aber ihre Seelen verweilten irgendwo anders.
Und ich? Ich war einfach da, wie immer. Ein Beobachter in einer Welt, die sich ständig veränderte und doch nie ganz zu begreifen war. Vielleicht würde ich eines Tages verstehen, was das Gnarf war. Oder vielleicht würde es sich einfach weiter in den Fluss der Dinge einfügen und ein Teil von allem werden, was nie erklärt werden kann.