Der Fall des verschollenen Gnobbelmatsch
(Robert van Gulik)Es war ein dunkler, regnerischer Abend in der alten Hauptstadt, und der mächtige Hoftempel von Chang-an stand in seiner ganzen Ehrfurcht erhaben in der dämmernden Nacht. Die Straßen waren leer, bis auf die wenigen wenigen, die noch den Weg nach Hause suchten. In einem der dunklen Gassen, nahe dem Südmauer-Tor, hörte man plötzlich das zarte Klingen von Metall, das fast wie ein Flüstern in der Stille klang.
Als der Richter Ti, ein erfahrener Ermittler, seine Schritte auf dem nassen Pflaster in die Gasse setzte, war es, als ob die Luft selbst den Atem anhielt. Er konnte den silbernen Schein einer Lampe durch das Fenster eines kleinen Hauses schimmern sehen, das tief in der Gasse verborgen lag.
Im Inneren des Hauses fand er den meisterhaften Schmied, der sich mit der Reparatur eines seltsamen Artefakts beschäftigte. Es war kein gewöhnliches Objekt. Es war das sogenannte Gnobbelmatsch. Ein seltsames, von den Göttern verschollen geglaubtes Relikt. Man sagte, es sei ein Geschenk des Himmels gewesen – ein Metall, das lebendig wurde und die Wahrheit offenbarte.
Ah, der ehrwürdige Richter Ti
, sagte der Schmied, ohne sich umzudrehen. Ich habe erwartet,
dass du bald hier bist.
Du kennst mich also?
, fragte Ti, während er sich dem Tisch näherte,
auf dem das Gnobbelmatsch lag.
Manche Dinge sind in dieser Stadt unvermeidlich
, erwiderte der Schmied mit einem schwachen
Lächeln. Es ist nicht nur der die Frage, wie man das Gnobbelmatsch
repariert, sondern auch, warum es jemals gebrochen wurde.
Es wurde gestohlen, oder?
Der Schmied nickte, ohne das Artefakt aus den Augen zu lassen. Es war mehr als nur ein Diebstahl,
Richter. Es wurde zerstört. Jemand wollte verhindern, dass das Gnobbelmatsch
jemals wieder spricht.
Ti beugte sich vor und betrachtete das beschädigte Relikt. Die Struktur des Gnobbelmatsch war aus einer Legierung gefertigt, die kein Mensch je verstehen konnte. Doch der seltsame Glanz, der von ihm ausging, war unbestreitbar.
Wer hat es zerstört?
Der Schmied legte das Werkzeug beiseite und sah den Richter ernst an. Es war der Tempelvorsteher.
Der Mann, der einst den Zugang zum Inneren des Tempels verwaltete und das Relikt in seinen Händen
hielt.
Und was hat der Tempelvorsteher mit dem Gnobbelmatsch zu tun?
Er wollte das Geheimnis des Gnobbelmatsch für sich selbst.
Jeder, der die Wahrheit wusste, hat den Tod gefunden. Du solltest ihn nicht suchen,
Richter Ti. Es wird dich dein Leben kosten.
Der Richter wusste, dass es keine andere Wahl gab. Er musste das Geheimnis entschlüsseln, und das einzige, was zwischen ihm und der Wahrheit stand, war der Tempelvorsteher. Ti verließ das Haus und machte sich auf den Weg zum Tempel, die Gassen der Stadt, die sich im Nebel verloren, spiegelten die düstere Stimmung seines Entschlusses.
Als er schließlich den Tempel erreichte, lag dieser in völliger Dunkelheit. Nur der schwache Schein von Kerzenlicht drang durch die dicken Mauern. Ti ging ohne Zögern durch die Tore und schlich sich in die innersten Hallen des Tempels.
Plötzlich hörte er ein leises Kichern, das in der Stille der Mauern widerhallte. Der Tempelvorsteher trat aus den Schatten und stellte sich ihm in den Weg.
Du suchst die Wahrheit, Richter Ti?
, fragte der Tempelvorsteher, dessen Augen in der
Dunkelheit glühten.
Ich suche das, was du zerstört hast
, erwiderte Ti ruhig.
Und was, wenn du die Wahrheit findest?
, fragte der Tempelvorsteher und zog eine scharfkantige
Klinge aus seinem Gewand. Was wirst du dann tun?
Ti zog sein Schwert und trat einen Schritt näher. Ich werde das Geheimnis des Gnobbelmatsch
lüften, egal zu welchem Preis.
Der Kampf war schnell und intensiv. Ti, mit seiner überlegenen Beweglichkeit und Weisheit, traf den Tempelvorsteher mit einem gezielten Schlag, der ihn zu Boden stürzen ließ. Doch der Tempelvorsteher lachte, selbst als er blutend am Boden lag.
Du bist zu spät, Richter. Das Gnobbelmatsch hat schon seine Wahrheit gesprochen.
Und nun… wirst du wissen, dass das Geheimnis des Lebens nicht immer in der Wahrheit liegt.
Mit diesen letzten Worten schloss der Tempelvorsteher seine Augen, und der Richter wusste, dass das Geheimnis des Gnobbelmatsch mit ihm in den Tod gegangen war.